Der Mensch in Krisenzeiten

Krankenhauszimmer

Spitalaufenthalt und Zimmernachbarn – Katastrophe oder Bereicherung?!

Kürzlich weilte ich einige Tage im Spital. Bei meinem Eintritt war ich ganz alleine im Zimmer. Nach der Operation genoss ich die Ruhe, habe viel gelesen, das Essen genossen, gute Musik gehört und mich erholt. Bis nachts um 01.30 Uhr, da ging die Zimmertüre und ein Bett wurde neben mir platziert – eine Frau vom Notfall. Die Arme, dachte ich. Hoffentlich kehrt bald Ruhe ein und wir können schlafen.

Weit gefehlt! Sie war sehr aufgebracht, hat laut gesprochen und egal wer ins Zimmer kam, dem hat sie ihre ganze Leidensgeschichte erzählt und ihre gefühlt tausend Fragen oder Anforderungen gestellt.

Am nächsten Morgen hatte sie eine Biopsie und wurde aufgeklärt, was ihr fehlt und wie das weitere Prozedere aussieht. Sie hätte bereits im Verlaufe des Nachmittags wieder nach Hause können. Aber viele ihrer langjährigen Beschwerden, ihre Allergie und was auch sonst noch hinderten sie selbst daran oder nutzte sie, um bleiben zu können?! Ich hörte dies immer wieder in allen Einzelheiten, denn es treten viele verschiedene Ärzte, Pflegende und weitere Fachpersonen pro Tag in ein Patientenzimmer. Die Frau suchte diverse Gründe, um den Spitalaufenthalt zu verlängern. Es ging so weit, dass sie sogar etwas gegessen hat, worauf sie allergisch ist, aber dies nicht mitteilte. Als sie danach wegen Atembeschwerden klingelte, erklärte sie der zuständigen Pflegefachfrau, dass sie dachte, im Spital könne sie den Versuch ja wagen und sie benötige jetzt Hilfe. Ich lag daneben und konnte mich kaum mehr entspannen. Mich beschäftigte die Frage, wie es dazu kam, dass diese Frau so unzufrieden und so auf ihre Schwächen fixiert ist. Wieso übergibt sie allen anderen die Verantwortung für ihr Wohlbefinden, für ihr Leben?

Am selben Tag kam eine Frau von der Intensiv-Pflegestation. Sie war sehr schwach und ich bekam an einem Telefongespräch mit, wie sie ihrer Tochter erklärte, dass sie in ihrem jetzigen Zustand bereit sei zu sterben und dankbar auf ihre 78 Jahre Leben zurückblickt. Mich fror es über den ganzen Körper, als ich dies hörte. In den folgenden Tagen gab es immer mehr Zeiten, wo wir angeregte Gespräche führten. Ihr Zustand verbesserte sich zum Glück in ganz kleinen Schritten. Ich staunte über ihre Geduld und ihre Zufriedenheit. Ursprünglich wurde sie eine Woche zuvor ins Spital eingeliefert für eine Biopsie und hätte spätestens am Folgetag wieder heim dürfen. Leider passierte den Ärzten ein Fehler und sie wurde am Darm verletzt, ihr Zustand verschlechterte sich und sie musste intensiv-medizinisch betreut werden. Nun lag sie da an einige Apparate angeschlossen, mit laufend neuen Infusionen und mit einer Naht über den ganzen Bauch, die sich im Verlaufe auch noch entzündete. Und sie murrte nicht – kein Wort der Anklage. Nur Dankbarkeit gegenüber jeder Person, die an ihr Bett trat. Sie sagte mir in einem Gespräch, dass sie gerne den jungen Arzt sehen würde, dem dieser Fehler passiert sei. Er gehe ihr nicht aus dem Kopf und sie wolle nicht, dass er sein Leben lang Schuldgefühle habe. Sie wolle ihm vergeben, denn Fehler können passieren.

Diese beiden Frauen haben mir viel zu denken gegeben.

  • Wie gehe ich mit Krisen um?
  • Welche Tendenz habe ich, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert?
  • Wer trägt die Verantwortung für mein Wohlbefinden, für mein Leben?
  • Wie möchte ich den Menschen begegnen, auf deren Unterstützung ich angewiesen bin?
  • Wie begegne ich Menschen, denen ein Fehler passiert ist?

Und was denkst du?